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Malesha war sechs Jahre alt, als er
als blinder Passagier mit dem Zug in Bangalore ankam. Sein ganzer
Besitz waren zwei Ohrringe und eine Decke. Seine Eltern sind
landlose Arbeiter in einem kleinen Dorf. Sie arbeiten hart und
haben dennoch kaum genug, um wenigstens ihren Hunger zu stillen.
Eines Tages kam ein Nachbarjunge zurück ins Dorf. Er erzählte
von Bangalore, der schönen Stadt mit den Kinos und den großen
Häusern. Und er erzählte von seinem tollen Job in einem
Hotel. 30 Rupien verdiente er dort im Monat (etwa 0,55 Euro),
und er brachte seiner Familie einen Stereokassettenrecorder als
Geschenk. Dass der nicht von seinem Lohn bezahlt sein konnte,
darüber machte Malesha sich keine Gedanken. An diesem Tag
beschloss er, in der Stadt sein Glück zu suchen.
Er versteckte sich in einem Zug und
kam wenige Stunden später in der großen Stadt an.
Verwirrt von den vielen Menschen, dem Lärm und Betrieb,
war er froh, als ein Mann ihn gleich auf dem Bahnsteig ansprach,
und ihm Unterkunft und Arbeit anbot. Malesha gab ihm seine Ohrringe
und die Decke, der Mann bedeutete ihm zu warten, er würde
in ein paar Minuten wiederkommen, nachdem er die Sachen in Sicherheit
gebracht habe. Der Mann kam nie wieder; Malesha war verzweifelt.
Eine Gruppe Straßenkinder wurde auf ihn aufmerksam. Sie
luden ihn zum Essen ein, er musste nur versprechen, den Älteren
zu gehorchen.
In der Gruppe ist auch Parvathi, die
ein Mädchen ist, aber aussieht wie ein Junge. Die Haare
sind geschoren, sie trägt Hosen und macht ein möglichst
grimmiges Gesicht. Das schützt vor Männern, die sich
an Mädchen heranmachen. Parvathi wurde mit sieben Jahren
von ihrem Vater in der Stadt ausgesetzt. Ihre Mutter war gestorben,
der Vater wollte wieder heiraten und da störte die Tochter.
Malesha hat schnell gelernt, auf der
Straße zu überleben: Die Kinder der Gruppe schlafen
in einem stillgelegten Abflussrohr, sammeln und sortieren Papier
und Metall aus den Müllhaufen und verkaufen es an Händler.
Essen suchen sie in Mülleimern. Nachts leeren sie ihre Taschen
und verstecken ihre wenigen Rupien. Man kann nie sicher sein,
ob nicht ein Polizist vorbeikommt und ihnen dafür, dass
er sie weiterschlafen lässt und nicht auf die Wache schleppt,
ihr Geld abnimmt.
Wenn sie einen Glückstag haben
und genug Geld verdienen, gehen die Kinder ins Kino. Stundenlang
können sie sich über Helden und Schurken, schöne
Frauen und tolle Autos unterhalten. Heute ist Malesha acht Jahre
alt und sein größter Wunsch ist noch immer, eines
Tages mit einem Stereokassettenrecorder nach Hause zu fahren.
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