Einleitung:

 Indien: Land der Widersprüche

Bettler, Kastensystem, Latrinenleerer, Mitgiftmorde, Atomtests, Kaschmir- Konflikt ...Worte, Assoziationen, die mit Indien in Verbindung gebracht werden. Für die Regierung in Delhi hätte kein Image-Berater eine bessere Arbeit leisten können als Bundeskanzler Gerhard Schröder mit seiner Ankündigung, Computerexperten aus dem Ausland anzuwerben. Aus Indien werden, so die Ankündigung des Bundesforschungsministeriums, die meisten Green-Card-Bewerber kommen. Bilder von dunkelhaarigen IT Spezialistinnen im traditionellen Salvar Kamiz und Meldungen von der Angst der indischen Softwareindustrie vor der Abwanderung der Fachkräfte verdrängten die Berichte über Armut, Religionskonflikte und Chaos in den Städten. In der Hauptstadt Indiens selbst waren Anfang März Putz- und Malerkolonnen unterwegs, um für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen. US-Präsident Bill Clinton sollte, anders als Queen Elizabeth bei ihrer letzten Visite, eine saubere Stadt erleben.

Für den Staatsbesuch, es war der erste nach 22 Jahren amerikanischer Abstinenz, wurden die Behelfscamps der Wanderbauarbeiter in der Umgebung des Firstclass-Hotels zwangsgeräumt. Auch die Bürgersteigbewohner mussten sich einen neuen Platz suchen. Obwohl nur 27 Prozent der eine Milliarde Inder in Städten leben, fehlen dort für die vom Land Geflohenen Wohnungen. Wer als Gelegenheitsarbeiter, Lastenträger oder Teeverkäufer nur wenige Rupien am Tag verdient, kann sich nicht einmal die Busfahrt zu den Slums am Stadtrand leisten. Es bleibt der Bürgersteig als Bleibe; ein Zuhause aus Flickwerk, ohne Wasseranschluss, ohne WC, ohne Heizung und ohne jegliche Rückzugsmöglichkeit. terre des hommes hat sich immer wieder dafür eingesetzt, dass Bürgersteigbewohner nicht in einer Nacht- und Nebelaktion vertrieben werden, im Getümmel ihre letzte Habe verlieren und Kinder ihre Eltern nicht mehr finden.

Indien kennzeichnet ein Nebeneinander von extremem Reichtum und großer Armut - und ein Stadt - Land - Gefälle: Letzteres wird deutlich an einem ganz praktischen Beispiel: Zugang zu Sanitäreinrichtungen haben etwa 70 Prozent der städtischen Bevölkerung, auf dem Land sind es nur 14 Prozent. Die Weltbank forderte jüngst von den verantwortlichen Politikern in Neu - Delhi strukturpolitische Reformen »der zweiten Generation«: effiziente und transparente staatliche Verwaltung, mehr soziale Gerechtigkeit, höhere Investitionen in das so genannte Humankapital, mehr Freiraum für die Privatwirtschaft und einen sorgfältigeren Umgang mit den natürlichen Ressourcen des Landes sowie mehr Schutz für die Umwelt.