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Freiwilligendienst in Indien
Bevor ich diese Reise unternahm hatte ich viele Vorstellungen
und Klischees von Indien, z.B. viele meditierende Menschen, fast
nur arme Einwohner, Hitze (etwas wie den Monsun hatte ich vorher
noch nie kennen gelernt), viel Kinderarbeit und natürlich
die heiligen Kühe auf der Straße. Was sich davon z.B.
als unwahr erwiesen hat, war das Bild von der ausschließlichen
Armut, da es auch viele Reiche oder Mittelständer gibt.
Ich lernte in Indien aber auch, Kinderarbeit oder Armut dort
nicht nur mit westlichen Augen zu beurteilen. Es ist ja für
ein Kind manchmal besser Arbeit zu haben, als stehlen zu müssen,
und also nie sicher etwas zu essen zu haben. Das bedeutet also
auch Hilfsprojekte anders zu gestalten, nicht nur Kinderarbeit
zu stoppen, aber auch Perspektiven und andere Gelderwerbs- oder
Ernährungsmöglichkeiten zu bieten.
Im Folgenden beschreibe ich noch kurz meinen Eindruck von
jeder der einzelnen Reiseabschnitte:
1. Phase: Delhi
In Delhi wohnten wir (11 Leute aus Deutschland, Irland, Japan,
Schweiz, England und USA) in einem Youth Hostel, wo wir uns erst
mal kennen lernten. Mir gefiel besonders gut der Sprachkurs,
den wir in den letzten 4 Tagen machten. Außerdem schauten
wir uns Sehenswürdigkeiten in Delhi an, machten Ausflüge
nach Agra und Jaipur (2 sehr bekannte Städte), wovon jede
so ca. 6 Stunden von Delhi entfernt lag. Es war interessant,
auch ländliche Gebiete zu sehen und einen Gegensatz zu der
riesigen und manchmal schon erschreckend überfüllten
und verschmutzten Stadt Delhi zu sehen. Auch machten mir die
Fahrten zu diesen Orten sowie nach Patna und Dehradun die riesigen
Entfernungen in Indien bewusst.
2. Phase: Patna - Dehradeen
Mit Spannung erwarteten wir schon die nächste Woche in Patna.
Allein die Fahrt im Zug dorthin sollte schon ein Erlebnis werden,
da wir über Nacht fuhren, und man uns vor allen möglichen
"Gefahren" im Zug gewarnt hatte. Die Fahrt verlief
aber reibungslos und wir wurden im sehr heißen Patna am
nächsten Mittag sehr herzlich empfangen. Unsere Erwartungen
an Patna waren sehr gespalten, da Patna als kriminellste und
ärmste Stadt Indiens gilt, und die meisten Inder uns vorher
sagten, dass dort eigentlich nichts schönes zu sehen sei.
Es stimmte, dass die Armut dort viel stärker als in Delhi
oder Dehradeen war und die Stadt auch viel verschmutzter. Meine
Gastfamilie gehörte zur Mittelklasse und wohnte in der Innenstadt
von Patna in einem Appartement. Meine Gastschwester war 17 Jahre
alt und ging noch zur Schule, meine Gastmutter war Hausfrau und
ihr Mann Architekt. Desweiteren wohnte dort noch die Mutter meiner
Gastmutter sowie ein Dienstmädchen von 14 Jahren. Außerdem
besaß meine Familie einen Fahrer und eine Putzfrau. Manchmal
ist es in Indien gewöhnungsbedürftig, dass man als
Gast möglichst nicht helfen sollte, sondern alles den Bediensteten
überlassen wird. In Bezug darauf fiel schon manchmal ein
gewisses Kastendenken auf.
In dieser Woche verbrachte ich sehr viel Zeit mit meiner Familie,
lernte indisch zu kochen, da meine Gastmutter erstaunt und entsetzt
war, dass ich als 20-jährige noch nicht gut kochen konnte
und noch nicht verheiratet war. Wir sahen uns dort auch das indische
Parlament an, und unternahmen einen Ausflug zu dem Ort, an dem
Buddha lehrte. Den Abschluss dieser Woche bildete eine große
Feier im Haus eines besonders reichen Gastvaters. Von Patna ging
es dann ebenfalls mit dem Zug nach Dehradeen, den Ort, wo wir
die soziale Arbeit in mehreren Projekten kennen lernen sollten.
Dort gefiel es mir von der Landschaft her am besten, denn Dehradeen
ist eine recht gepflegte, kleine und nicht so arme Stadt wie
Patna es ist. Das Hotel, in dem wir wohnten, war wunderbar und
die Experiment-Mitglieder dort hatten für uns ein ganz tolles
Programm ausgearbeitet und kümmerten sich um uns, als wenn
wir ihre Gasttöchter/-söhne wären. So ging es
gleich am 1. Tag auf einen 9-stündigen Trip ins Himalaja,
bei dem wir den Ursprung des Ganges bewundern konnten. In den
nächsten 3 Tagen wurden wir in die Katastrophenvorbeugung
sowie Hilfe nach einem Erdrutsch eingearbeitet, indem wir solche
Orte besuchten und uns die Hilfsmaßnahmen ansehen konnten.
Wir erlebten die Gefahren dort auch am eigenen Leib, als wir
z.B. einmal nicht mehr weiterfahren konnten, da die Straße
heruntergebrochen war und unser Jeep bei der Rückfahrt im
Schlamm stecken blieb, da die Straßen oft in katastrophalem
Zustand waren. Unserer Führer sahen aber solche Vorfälle
immer sehr locker, was man sich für Deutschland auch mal
merken sollte, da wir ja vieles manchmal zu tragisch sehen.
Wieder zurück in Dehradeen wurden uns die sozialen Projekte
vorgestellt:
Das Projekt Raphael wurde von Engländern gegründet,
und es werden dort heute ehemalige Leprakranke sowie Kinder von
verstorbenen Leprakranken versorgt, sowie Tuberkulosekranke behandelt.
Das geschieht entweder im eigenen Hospital oder per Fernbehandlung,
indem Ärzte einmal im Monat aufs Land fahren, um dort Tb-kranke
ambulant zu behandeln.
Desweiteren zeigt man uns eine Schule für geistig sowie
körperlich behinderte Kinder.
Es war also eine sehr vielseitige und anregende Zeit und es
wurde wirklich versucht, uns in allem mitarbeiten zu lassen und
uns alles sehen zu lassen, was uns interessierte. Diese 2 Wochen
haben mir noch besser die Probleme dieses Landes klar gemacht,
und uns wurde viel erklärt, was z.B. Dürre in Indien
angeht, oder Hilfsmaßnahmen der Regierung.
3. Phase: Delhi
Unsere letzte Etappe führte uns noch einmal nach Delhi,
wo wir über das Erlebte redeten und uns auf die Abfahrt
vorbereiteten. Unsere Betreuer dort kümmerten sich sehr
gut um uns und versuchten, uns auch vieles näher zu bringen,
z.B. indem wir in verschiedene Restaurants gingen, die Essen
aus ganz verschiedenen Regionen Indiens anboten.
Abschließend muss ich sagen, dass mich diese Reise um
unheimlich viele Erfahrungen reicher gemacht hat, die ich nicht
missen möchte, und dass die Organisation in Indien sehr
gut war. Diese Reise war auch deswegen so einzigartig, da ich
so viele Landsleute kennen gelernt habe. Auch die Erfahrung,
mit so vielen Leuten aus verschiedenen Ländern zusammen
dort zu sein, war sehr gut, da ich von ihnen viel lernte. Durch
den Besuch in der Gastfamilie wurde mir auch die Religion etwas
nähergebracht, und ich konnte erleben, wie eine Familie
die Religion in den Alltag integriert. Als Tourist hätte
man bestimmt nichts von jeglicher Religionsausübung im normalen
Leben außer großen Straßenfesten wie dem Lichterfest
mitbekommen.
Ich hoffe, dass dieser Bericht meine Reise recht umfassend
beschreibt, ich habe alles flüssig aus dem Gedächtnis
niedergeschrieben.
Barbara F. aus Bonn, 15.08.- 14.09.2000
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Ein Kommentar von C.J. George 
(Leiter des terre des hommes-Büros in Pune/ Indien)
Die indische Wirtschaft wächst - zwischen fünf und
sechs Prozent pro Jahr. Das Einkommen der Mittelschicht hat sich
in den letzten Jahren verzehnfacht. Doch mein Heimatland ist
zu Beginn des 21. Jahrhunderts in keiner beneidenswerten Position.
Auf der einen Seite können wir Inder stolz sein auf den
wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt. Schon müssen
wir befürchten, dass nach den USA jetzt auch Deutschland
unsere besten Informatiker aus Bangalore abwirbt.
Auf der anderen Seite weist Indien die höchste Rate an
Kinderarbeit und Analphabetismus - insbesondere bei Frauen auf.
Weit mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebt am Rande
des Existenzminimums. Während sich die Regierung mit Nuklearwaffen
und Abwehrraketen brüsten kann, hat ein Viertel der Bevölkerung
noch immer keinen Zugang zu sauberem Wasser und Gesundheitsdiensten.
Die »Times of India« berichtet, dass im letzten Staatshaushalt
der Gesamtetat für die Grundbedürfnisse der Landbevölkerung
(Bildung, Gesundheit, Trinkwasser, Wohnungen und Straßen)
die selbe Höhe hat wie der zusätzliche Betrag, der
dem Verteidigungsetat zugeschlagen wurde. Im Argen liegt auch
die Ausbildung der jungen Generation. Es fehlen zum Beispiel
rund 100.000 Grundschulen.
Indien ist zwar führend im Bereich Software und Informationstechnologie
und zieht internationales Kapital an. Indische Firmen übernehmen
sogar internationale Unternehmen, wie kürzlich im Fall von
Trata Tea und Tetley Tea. Doch von dieser Entwicklung profitiert
nur eine kleine Minderheit der indischen Bevölkerung. Die
große Masse in den Städten muss weiterhin ums Überleben
kämpfen, ihre Chancen auf dem Weltarbeitsmarkt sind gleich
Null.
Die Armut auf dem Lande hat sich verstärkt, und dies,
obwohl Selbstversorgung bei Nahrungsmitteln erreicht wurde und
Indien schwere Hungersnöte und Epidemien meistern kann.
Es ist eine Frage der Verteilung: Die Schere zwischen Arm und
Reich klafft immer weiter auseinander.
Nicht-Regierungsorganisationen und soziale Gruppen und Bewegungen
haben dazu beigetragen, wichtige Themen auf die nationale und
internationale Tagesordnung zu setzen: Bildung, Kinderrechte,
Umweltschutz und ökologischen Ausgleich, soziale Gleichberechtigung,
Frauen- und Kastendiskriminierung. Mit gewissem Erfolg: Politiker
können die Probleme nicht mehr komplett ignorieren.
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